Unterwegs auf dem Dingle Way – 179 km über die Grüne Insel

Gastbeitrag:

Ben von beginnernotes.de

„180 km laufen? In wieviel Tagen?“ Die Begeisterung meiner Freundin kannte keine Grenzen. Nicht, weil es nach Irland ging oder die Bilder aus dem Internet so vielversprechend aussahen, sondern eher, weil sie nicht mitkommen musste. Irgendwo konnte ich ihre Schadenfreude nachvollziehen, denn auch wenn 180km maßlos übertrieben waren (es sind 179), war der Plan, die Wanderung auf dem Dingle Way in 6 Tagen zu schaffen relativ ehrgeizig. 

Nach einer Tour entlang des Loch Ness im Jahr zuvor war ich bestrebt, etwas ähnliches noch einmal zu machen und entschied mich für Irland. Eine kurze Google Suche („Irland bester Fernwanderweg“) führte mich dann schnell zum Dingle Way. Der ist eigentlich für 8 Etappen ausgelegt, durch eine Mischung aus wenig Zeit und destruktiver Selbstüberschätzung wurde die Strecke am Ende auf 6 verteilt.

Los geht es am Münchner Flughafen, von wo es per Direktflug nach Dublin geht. Den Startpunkt der Tour, Tralee, erreicht man nur per Bus, laut Touristeninformation in Dublin „very, very, very, very, very far“ und „rather expensive“.

4 Stunden später und 20 Euro ärmer steige ich im Stadtzentrum von Tralee aus, der Hauptstadt der Grafschaft Kerry. Manche kennen sie vielleicht als den Hauptsitz von „Kerrygold“ oder, wen es interessiert, als Geburtsstadt von Rea Garvey. Da ich für den ersten Wandertag 2 der ursprünglichen Etappen zu einer kombinieren will und es schon fast 16 Uhr ist, steige ich per Airbnb bei einer netten Frau namens Greta ab. Den Tag lasse ich dann bei einem Guinness und irischer Musik im Pub nebenan ausklingen.

Als ich am nächsten Morgen Greta von meiner Tour erzähle, kommen wir ein wenig ins Plaudern und sie erzählt, dass das Zimmer eigentlich ihrem Sohn gehört, der aber gerade unterwegs ist, da er beim Dreh der letzten Staffel der Serie „Vikings“ mitwirkt. Die Requisitenschwerter, von denen sie ein paar im Wohnzimmer liegen hat, darf ich kurz ausprobieren und komme schnell zu dem Schluss, dass ich damals wohl eher ein Bogenschütze gewesen wäre.

Tag 1: Tralee – Annascaul (36 km)

Obwohl die Tour praktisch an der Haustür vorbei geht, gehe ich zurück zur Touristeninformation, wo der Trail offiziell startet. Es muss ja alles seine Richtigkeit haben… Die ersten Kilometer sind eher unspektakulär, zuerst muss man aus der Stadt raus. Nach ungefähr einer Stunde habe ich den letzten Hof hinter mir gelassen und befinde mich auf einem Pfad, der am Fuße der Slieve Mish Mountains entlangführt. Eine sehr raue Landschaft mit Schafen, so weit das Auge reicht, und einem Australian Shepherd, der mich misstrauisch ein paar Hundert Meter verfolgt. Mit einem tollen Blick auf die Bucht von Tralee (gesprochen übrigens Tra-leeee) folge ich einem Weg, der sich über eine scheinbar endlose Ebene aus sattem Grün zieht. Abwechslung bietet nur das gelegentliche Verscheuchen der Schafe sowie ein paar Klettereinlagen, wenn ich einen der vielen Zäune überwinden muss.

Ein Schild beim Startpunkt der Wanderung auf dem Dingle Way
Los geht die Reise

Nach ca. 13 km endlich eine Abzweigung, die in einen kleinen Wald führt. Hier überquere ich spektakulär einen kleinen Bach, indem ich von einem Stein zum nächsten hüpfe. Im weiteren Verlauf finde ich die Ruinen der Killeton Church vor, wo ich einmal kurz durchschnaufe. Ein paar Kilometer weiter und ich bin schon in Camp, dem offiziellen Ende der ersten Etappe. Da es mich heute aber noch bis nach Annascaul zieht, verliere ich hier keine Zeit. Abwechselnd geht es über Schafweiden und Schotterwege weiter, bis ich gegen Ende meiner heutigen Etappe zum Inch Beach komme, einem ruhigen, kleinen Strand, an dem sich einige Mutige ins Wasser trauen. Hier esse ich kurz etwas, während ich etwas amüsiert den Versuchen der Leute zusehe, die sich im flachen und wellenarmen Wasser im Wellenreiten üben.

Wenig später dann endlich am Ziel: Annascaul, nach einer Tagesleistung von 36 km. Kurz im B’n’B einchecken, im lokalen Pub Burger und Guinness inhalieren und den Tag auf der Terrasse der Unterkunft ausklingen lassen, zu mehr bin ich nicht mehr in der Lage.
Mental bereite ich mich schon einmal auf den nächsten Tag vor, für den wieder 2 Etappen auf einmal anstehen: Annascaul nach Dingle und Dingle nach Dunquin, insgesamt 42km.

Tag 2: Annascaul – Dingle – Dunquin (42 km)

Kurz hinter den Toren der Stadt kommt man am Minard Castle vorbei, einer Burgruine aus dem 16. Jahrhundert. Hier mache ich kurz Pause und genieße die Schönheit der rauen, irischen Küste.

Die Burgruine des Minard Castle Way
Die Burgruine des Minard Castle liegt auf dem Weg

Raus aus Annascaul und weit weg von Tralee habe ich endlich das Gefühl, den ganzen Stress des Alltags und die Hektik der Stadt hinter mir gelassen zu haben. Diese Sorglosigkeit führt zu einem deutlich längeren Aufenthalt am Fuße der Burg, sodass ich mich danach etwas ranhalten muss, um meinen Zeitplan einzuhalten. Über grüne Wiesen, Hügel und an abgelegenen Bauernhöfen vorbei erreiche ich am frühen Nachmittag dann Dingle, den Hauptort der Halbinsel. Dingle ist eine tolle, kleine Stadt, deren Häuser in den unterschiedlichsten, grellen Farben angestrichen sind und deren lebhafte Straßen zum Verweilen einladen. Das vom Reiseführer angepriesene Eis (Murphy´s Ice Cream) gönne ich mir nach den bisherigen Strapazen, es wird seinem Ruf leider nicht wirklich gerecht.

Als ich meine müden Knochen sortiere und gedankenverloren auf dem Handy herumtippe, sehe ich, dass ich bis 18 Uhr in meinem Hotel in Dunquin eingecheckt haben muss. Es ist allerdings schon 15:30 Uhr und über 20km sind noch zu gehen. Ich schreibe der Betreiberin eine kurze Nachricht, dass es später werden könnte und mache mich auf den Weg. Vor den Toren der Stadt liegt die relativ neue Dingle Brennerei, die ich mir als Whiskey-Enthusiast eigentlich nicht entgehen lassen wollte, dafür ist aber leider keine Zeit. Zu meinem „Glück“ ist sie nicht für Besucher geöffnet, der Whiskey ist nur im Laden erhältlich und ich kann hier ein paar Minuten einsparen.

Die Wanderung auf dem Dingle Way führt natürlich auch durch die Stadt Dingle
Dingle

Nach einer Weile führt der Weg durch Ventry, einen Ort, in dem der Sage nach im 12. Jahrhundert in der „Schlacht von Ventry“ Eindringlinge mit Hilfe eines Elfenfürsten aus der Gegend vertrieben worden sein sollen.
Irische Erzählungen sind immer wieder aufs Neue interessant, viele Orte auf dem Weg wissen von Ereignissen zu berichten, in denen Elfen, Kobolde oder Kelpies eine tragende Rolle gespielt haben.


Für mich ist Ventry dagegen eine willkommene Abwechslung, da der Weg hier ein gutes Stück am Strand entlangführt. Ideal für die geschundenen Füße, denn hier kann man ein längeres Stück barfuß laufen. Das und die Mail vom Hotel, dass später kommen kein Problem sei, beflügeln mich auf dem weiteren Weg.

Nachdem der Strand zu Ende ist, führt der Weg mich an eine gut befahrene Straße, auf der ich mich des Öfteren von der Hupe eines LKWs erschrecken lasse. Ein erfreulich kurzes Stück später führt der Pfad einen Hügel empor und für mehrere Kilometer am Fuße des Mount Eagle entlang. Für mich bisher der schönste Teil der Strecke, denn es bietet sich ein fantastischer Blick auf die Küste. Da das Wetter heute mitspielt, sind sogar die Inseln vor der Küste gut zu erkennen. Auf einer dieser Inseln wurde ein Teil eines Star Wars Films gedreht, hatte der Hotelbetreiber am Morgen erzählt. Da es sich aber um einen der neuen Filme handelt, ignoriere ich diese Tatsache aus Prinzip und marschiere weiter.

Was auf diesem Abschnitt besonders auffällt, sind die für diese Gegend typischen Steinmauern, die sich wie Adern durch die Landschaft ziehen. Dazwischen sind das eine oder andere Mal Clochans auszumachen, runde Steinhütten aus der frühchristlichen Zeit, die dank ihrer soliden Bauweise die Jahrhunderte überdauert haben.

Mal Clochans in Irland
Mal Clochans und eine herrliche Aussicht auf das Meer

Nach einer Weile ist es dann geschafft, ich erreiche deutlich nach 18 Uhr das Hotel, dessen Restaurant das einzige im Dorf ist und natürlich schon geschlossen ist. Ob es Bewunderung für die heute gelaufene Strecke ist oder Mitleid, weil ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann, der Koch schmeißt für mich noch einmal den Herd an und ich bin unendlich dankbar. Das Fazit der längsten Etappe meiner Tour: auch wenn 42km auf dem Papier einfach aussehen, es ist am Ende doch um einiges schwerer als gedacht. Vor allem das Gepäck und das stetige Auf und Ab tragen ihren Teil dazu bei. Den Geistesblitz, dass ich auch anderthalb Etappen hätte laufen können und dafür am nächsten Tag auch anderthalb statt einer, kommt mir leider viel zu spät, praktisch in der Einfahrt des Hotels. Um es mit den Worten von Lothar Matthäus zu sagen: again what learnt!

Tag 3: Dunquin – Feohanagh (21 km)

Die nächste Etappe führt mich nach Feohanagh, ein mit 21 km kurzer Abschnitt. Das ist nach dem Marsch am Vortag auch bitter nötig. Am Abend zuvor hatte der Koch mir noch eine alternative Route empfohlen, die landschaftlich einiges mehr zu bieten haben sollte als der ursprüngliche Dingle Way. Erwartungsgemäß verlaufe mich auf den ersten Metern und weiche lieber wieder auf den Originalweg aus, sicher ist sicher. Kurze Zeit später führt der Dingle Way an der Clogher Bay vorbei, einer felsigen Bucht, an der sich die Wellen filmreif brechen. Fasziniert von diesem Anblick und mit genug Zeit für den Rest des Weges setze ich mich hin und schaue dem Meer zu.

Der Trip gefällt mir von Abschnitt zu Abschnitt besser. Dem Wanderer wird eine Abwechslung geboten, die an Eintönigkeit nicht einmal denken lässt. Nach anderthalb Stunden raffe ich mich dann doch auf und setze meinen Weg fort. Der Weg verläuft heute zum größten Teil am Strand, sodass ich wieder ein gutes Stück mit den Schuhen in der Hand laufen kann. Meine Füße danken es mir.


Dank der kurzen Strecke und meines zeitigen Aufbruchs komme ich schon am frühen Nachmittag in der Unterkunft an.

Tag 4: Feohanagh – Cloghane (25 km)

Als ich am nächsten Morgen aufwache, stelle ich fest, dass das Wetter mir an diesem Tag nicht gewogen sein wird. Ungünstig, denn die Etappe, die vor mir liegt, soll die schwierigste des ganzen Trails sein. Sie führt über den Mount Brandon, einen 952 m hohen Berg. Trotz Regens und Nebels erklimme ich ihn unerwartet schnell und stehe am späten Vormittag auf dem Gipfel. Bei gutem Wetter kann man angeblich bis nach Tralee, dem Ausgangspunkt der Tour, schauen. Ich kann gerade so meine Füße sehen… Daher fällt der Aufenthalt auch entsprechend kurz aus, ein Foto von dem Stein, der den Gipfel markiert und weiter geht es.

Der Gipfelstein am Mount Brandon, dem höchsten Punkt des Dingle Ways
Gipfelstein am Mount Brandon

Der Abstieg gestaltet sich als Herausforderung, denn der Untergrund ist rutschig und nicht jeder Stein steckt fest im Boden.
Mit Gras- und Erdflecken an allen Körperteilen komme ich unten an und werde von strömendem Regen begrüßt. Irischem Regen, wohlgemerkt, von der Intensität vergleichbar mit einer kalten Dusche aus dem Kärcher. So glücklich, wie man in so einer Situation sein kann, gehe ich weiter, das Ziel ist laut Karte nicht mehr allzu weit weg. Zu sehen gibt es nicht viel, dazu ist der Nebel zu dicht. Die Orientierung fällt zunehmend schwer, ich bin so durchnässt, dass mein Handy sich mit den welligen Fingern kaum noch bedienen lässt.

Als ich dann tropfend und für den Tag restlos bedient an der Herberge ankomme, werden mir gleich eine Zeitung und der Schlüssel für den Trockenraum in die Hand gedrückt. Nachdem die nassen Stiefel mit Papier gefüllt, die Klamotten aufgehängt sind und ich geduscht habe, geht es mir schon wieder etwas besser. Die Wetteraussichten für den nächsten Tag heben meine Laune dann noch einmal an und ich freue mich auf die anstehende Etappe.

Tag 5: Cloghane – Castlegregory (27 km)

Als wäre nichts gewesen, begrüßt mich die Sonne am nächsten Morgen. Der vorletzte Abschnitt ist wieder sehr entspannt und verläuft am 11km langen Fermoyle Beach, dem längsten Sandstrand Irlands. Ideal, um seinen Kopf abzuschalten und vor sich hin zu träumen. Gedankenverloren trete ich in eine Qualle und nehme mir vor, vielleicht doch wieder besser bei der Sache zu sein.

Die Wanderung auf dem Dingle Way verläuft auch auf einem Strand
Der Dingle Way führt auch über endlose Strände

Früher als erwartet treffe ich in Castlegregory ein, dem letzten Stopp auf dieser Reise. Meine Unterkunft, das Castle House, ist die bisher beste Bleibe auf dem Weg und erinnert an viktorianische Zeiten.


Im Pub nebenan möchte ich noch eines meiner To-Dos abhaken und einen Whiskey aus der Dingle Distillery probieren. Das etwas angewiderte Gesicht des Barkeepers lässt erahnen, dass ich heute kein Glück haben werde, denn er wird dort nicht geführt. Er murmelt etwas von „terrible taste“ und spendiert mir einen angemessenen Ersatz… Sein Fazit: Gin aus der Dingle Distillery kann man trinken, den Whiskey kann man höchstens zum Abbeizen von Möbel hernehmen.

Ein Pubbesuch darf auf einer Wanderung auf dem Dingle Way nicht fehlen
Ein Besuch im Pub darf in Irland natürlich nicht fehlen

Tag 6: Castlegregory – Talee (30 km)

Die letzte Teilstrecke ist mit fast 30 km länger als die der letzten Tage. Allerdings hat sie auch nicht viel Neues zu bieten, denn der Großteil überschneidet sich mit der ersten Etappe, sodass man die 20 km ab Camp den vom Start bekannten Weg bis nach Tralee läuft. Am Nachmittag ist es dann geschafft, ich stehe wieder vor der Touristeninformation. Nach 6 Tagen und 179 km ist es also geschafft und der Dingle Way bezwungen. Von einem verregneten Tag abgesehen hatte ich wirklich Glück mit dem Wetter, was für Irland nicht selbstverständlich ist. Bereichert um jede Menge Eindrücke kann ich diese Tour jedem empfehlen, der sich für lange Strandabschnitte, endlose grüne Wiesen und das irische Lebensgefühl begeistern kann.


Vor allem, wenn man, wie ich, etwas Abgeschiedenheit sucht, ist der Dingle Way eine klasse Wahl. Wenig andere Wanderer, mäßiger Handyempfang und eine überschaubare Anzahl an Dörfern lassen einen den Alltag vergessen und die Seele baumeln.

Ben während seiner Wanderung auf dem Dingle Way
Ben auf dem Dingle Way

Ben, Wahlmünchner und Bergenthusiast, betreibt die Webseite www.beginnernotes.de, auf der er einsteigerfreundliche Guides zum Start eines neuen Hobbies veröffentlicht, unter anderem auch zum Wandern.

Wenn er mal nicht durch die irische Wildnis marschiert, versucht er sich als Drohnenpilot, ärgert seine Nachbarn durch rücksichtsloses Gitarrenspielen, und isst mehr Fastfood als ein Mensch essen sollte.

Mehr von ihm findet ihr auf seinem Instagram Account.

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Wanderspirit Patrick Fischer Wanderer


Hey hey!

Als ich im Sommer 2020 einmal durch Deutschland gewandert bin, habe ich beschlossen, mich noch intensiver mit dem Thema Gehen zu beschäftigen. Über Wanderspirit möchte ich dich mit auf den Weg nehmen.

Patrick


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